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Humboldts Schatten

Novelle

Erschienen am 04.08.2003
14,90 €
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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783312003211
Sprache: Deutsch
Umfang: 128 S., 5 s/w Illustr.
Format (T/L/B): 1.8 x 21.5 x 12 cm
Einband: gebundenes Buch

Beschreibung

Mit furioser Sprachkraft gestaltet César Aira erzählerisch den Abschnitt einer Reise, die den Augsburger Maler Johann Moritz Rugendas im Jahr 1837 nach Südamerika führt. Gefördert von seinem Mentor Alexander von Humboldt malt Rugendas atemberaubende Bilder von den Menschen und Landschaften der Anden - bis ihn eines Tages ein fürchterliches Unglück ereilt. 'Humboldts Schatten' ist ein virtuoses literarisches Porträt und Hommage an eine manchmal zerstörerische künstlerische Inspiration.

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Hersteller:
Nagel & Kimche AG Verlag c/o HarperCollins Deutschland GmbH
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DE 20354 Hamburg

Autorenportrait

César Aira wurde 1949 in Pringles, Buenos Aires, geboren, wo er als Schriftsteller und Übersetzer lebt. Er hat zahlreiche Romane und Erzählungen geschrieben und ist einer der bekanntesten Schriftsteller Südamerikas. Sein Werk umfasst mehr als dreißig Romane, Novellen und Erzählungen.

Leseprobe

Der zweite Blitz schlug keine zwanzig Sekunden nach dem ersten ein. Er war wesentlich stärker und hatte verheerendere Folgen. Sie flogen zwanzig Meter durch die Luft, glühend und knackend wie ein erkaltendes Lagerfeuer. Wahrscheinlich war die atomare Zersetzung, die Körper und Elemente in einem solchen Fall erleiden, der Grund, warum der Aufprall nicht tödlich war: Er war so abgepolstert, dass sie wieder zurückprallten. Und nicht nur das: Das Fell des Tieres war so aufgeladen, dass es wie ein Magnet wirkte und Rugendas durch die Salti nicht aus dem Sattel geworfen wurde; doch kaum waren sie auf dem Boden gelandet, ließ die Anziehungskraft nach, und der Mann fand sich plötzlich auf der trockenen Erde wieder, den Blick gen Himmel gerichtet. Das Blitzegewirr in den Wolken ließ Albtraumgestalten aufleuchten und wieder verlöschen. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, ein schreckliches Gesicht zusehen. Der Monigote! Überall schallte es ohrenbetäubend: Geräusch über Geräusch, Donner über Donner. Der Umstand war in höchstem Grade ungewöhnlich. Das Pferd wälzte sich am Boden wie ein Krebs, um sie herum platzten Tausende von Feuerzellen und bildeten eine Art allumfassende Aureole, die sich mit ihm verschob und ihm nichts anhaben konnte. Schrien der Mann und sein Pferd? Wahrscheinlich befanden sie sich in einem Schockzustand; aber selbst wenn sie aufgeheult hätten, hätte man nichts gehört. Der umgekippte Reiter suchte mit den Händen nach dem Boden, um eine Stelle zu finden, wo er sich aufstützen konnte. Doch er war statisch zu sehr aufgeladen, als dass er etwas hätte berühren können. Das Pferd begann sich aufzurichten, und Rugendas las an seiner plötzlichen Erleichterung ab, dass es so gut war; für einen Moment musste er auf den Trost eines Begleiters verzichten, um dem dritten Blitz zu entkommen. Dann stand das Pferd wieder, mit gesträubten Haaren, monumental, und verdeckte die Hälfte des Blitzegewirrs; seine Giraffenbeine knickten widerspenstig ein, der Kopf lauschte wieder aufmerksam dem Ruf des Wahnsinns &8230; und dann rannte es los &8230; Und Rugendas mit! Er konnte und wollte es nicht verstehen, es war zu ungeheuerlich. Er spürte, wie er mitgeschleift wurde, fast schwebte, wie der Satellit eines gefährlichen Sterns. Der Ritt wurde immer schneller, und er hing dahinter, prallte auf und nieder, ohne irgendetwas zu begreifen &8230; Er wusste nämlich nicht, dass sich der eine Fuß in einem Steigbügel verfangen hatte, ein Unfall, der Klassiker unter den Reitunfällen, der, nur weil er sich schon so oft wiederholt hat, nicht plötzlich nicht mehr vorkommt. Die Stromerzeugung setzte genauso plötzlich aus, wie sie eingesetzt hatte, was ein Jammer war, weil ein Blitzschlag zur rechten Zeit, der das Tier wieder zum Stehen gebracht hätte, dem Maler eine Menge Unannehmlichkeiten erspart hätte. Aber der Strom wurde in die Wolken abgeleitet, Wind kam auf, es begann zu regnen&8230; Das Pferd galoppierte eine unbestimmte Strecke; wie weit, fand man nie heraus, und eigentlich ist es auch nicht wichtig. Die Katastrophe war geschehen. Der folgende Tag dämmerte bereits herauf, als Krause und der alte Baquiano sie entdeckten. Das Pferd hatte seinen Klee gefunden, graste abwesend vor sich hin und zog einen blutigen Lumpen hinter sich her, der sich am Steigbügel verheddert hatte. Die ganze Nacht über hatten sie ihn gesucht, und auf dem Gipfel der Angst hatte ihn der arme Krause bereits für tot erklärt. Ihn zu entdecken war nur eine halbe Freude: Da war er zwar endlich, lag aber reglos auf dem Bauch; sie ritten schneller, sahen beim Näherkommen, wie er sich bewegte, ohne die Kusshaltung zur Erde aufzugeben; die leise Hoffnung, die in ihnen aufkeimte, wurde gedämpft, als sie bemerkten, dass er sich gar nicht bewegte, sondern lediglich vom Pferd mitgezerrt wurde, wenn es beim Grasen ein paar Verdauungsschrittchen tat. Sie stiegen ab, hakten ihn vom Steigbügel los und drehten ihn um &8230; Das Entsetzen ließ sie verstummen. ... Leseprobe